Zürich streicht die Windkraftgebiete zusammen – hinter verschlossenen Türen
Mit einem einzigen Entscheid hat der Regierungsrat rund 40 Prozent des Windkraftpotenzials gestrichen. Über die Hintergründe schweigt er und verweist auf das Sitzungsgeheimnis.
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Publiziert heute um 05:22 Uhr

Der Widerstand gegen Windkraft im Kanton Zürich kommt nicht nur von Gemeinden: Auch der Gesamtregierungsrat hat 15 mögliche Gebiete gestrichen – ohne nähere Begründung.
Foto: Dominique Meienberg
In Kürze:
Rund 40 Prozent des Windkraftpotenzials strich der Gesamtregierungsrat wegen angeblicher Konflikte mit der Luftfahrt.
Die federführende kantonale Baudirektion und der Bund hielten diese Konflikte allerdings für lösbar.
Noch dieses Jahr entscheidet der Zürcher Kantonsrat darüber, welche Windkraftgebiete in den Richtplan eingetragen werden.
Sollen im Kanton Zürich grosse Windräder gebaut werden? Und wenn ja, wo und wie viele? Seit Herbst 2022 läuft die Suche nach möglichen Standortgebieten. Blickt man zurück auf die letzten rund dreieinhalb Jahre, so stellt man fest: Die Zahl solcher Gebiete schrumpfte und schrumpfte und mit ihr das Potenzial an erneuerbarer Windenergie.
So waren es zu Beginn der aufwendigen Standortsuche noch etwa 50 mögliche Gebiete, heute sind es nur noch knapp 20. Also mehr als die Hälfte – vom Winde verweht.
Grössere Abstände, weniger Windräder
Was ist passiert? Mehrere Zürcher Gemeinden wehrten sich gegen Windkraftanlagen auf dem eigenen Territorium. So wurden an Gemeindeversammlungen etwa grössere Abstände von Wohnhäusern zu solchen Anlagen beschlossen – die Folge: Viele der Windkraftgebiete verschwanden praktisch vollständig von der Landkarte.
Zwar hat das Zürcher Baurekursgericht inzwischen die ersten Bestimmungen dieser Art kassiert. Diese würden, so die Begründung des Gerichts, gegen kantonales Recht verstossen.
Doch der Widerstand hält an. So haben im Frühjahr 2026 zehn Gemeinden aus der Region Winterthur und Weinland ein Protestschreiben an die vorberatende Kommission des Zürcher Kantonsrats geschrieben. Ihre Kritik: Von den 60 möglichen Windrädern lägen deren 50 in diesen Gemeinden, was «äusserst ungerecht» sei.
Luftfahrt als Hindernis?
Allerdings geht bei diesem kommunalen Widerstand etwas vergessen: Der siebenköpfige Zürcher Regierungsrat hat im letzten November das Windkraftpotenzial stark reduziert. Er schlug dem Kantonsrat nur noch 19 Gebiete für den Richtplan vor, 15 weitere Gebiete strich er. Hier gebe es, so die Begründung der bürgerlich dominierten Kollegialbehörde, Konflikte mit der zivilen und militärischen Nutzung des Luftraumes. Es geht dabei um An- und Abflugrouten, Radaranlagen und weitere aviatische Einrichtungen.
Regierungsrat schlägt 19 Gebiete für den Richtplan vor

Brisant: Die für Windkraft zuständige Baudirektion von Regierungsrat Martin Neukom (Grüne) sah das anders. So hatte sie neben den 19 Gebieten deren 15 als Zwischenergebnisse vorgeschlagen. Dort gebe es zwar noch Abklärungs- und Koordinationsbedarf. Aber die Nutzungskonflikte zwischen der Aviatik und der Windenergie seien mittel- bis langfristig lösbar, etwa durch technische Massnahmen. Zu dem Schluss kam Neukoms Direktion, nachdem sie die möglichen Konflikte 2023 und 2024 mit der Luftfahrtbranche und den Bundesstellen in mehreren Begutachtungs- und Bewertungsrunden abgeklärt hatte.
Aber warum gelangte der Gesamtregierungsrat letzten Herbst zu einer anderen Einschätzung? Hat er weitere Abklärungen zur Aviatik getroffen? Und was hat sich in der Luftfahrt so verändert, dass die Konflikte nun doch nicht lösbar sind? Der Regierungssprecher schweigt zu diesen Fragen. Er schreibt: «Der Prozess der Entscheidungsfindung im Regierungsrat unterliegt dem Sitzungsgeheimnis.»
60 Windräder in 19 Gebieten
Einen Einblick in die Vorgänge bietet ein Bericht vom Sommer 2024. Darin nahm das Bundesamt für Raumentwicklung die von der Zürcher Baudirektion vorgeschlagenen Windkraftgebiete unter die Lupe. Zwar machte das Amt ebenfalls Vorbehalte wegen der Luftfahrt. Doch anders als der Zürcher Regierungsrat liess es die Gebiete nicht gleich fallen. «Unter der Voraussetzung weiterer Abklärungen» seien Windkraftanlagen dort aus heutiger Sicht realisierbar.
In den 15 Gebieten, die der Zürcher Regierungsrat ersatzlos strich, hätten 359 Gigawattstunden (GWh) Strom pro Jahr erzeugt werden können. In den 19 Gebieten, die er für den Richtplan vorschlägt, sind es mit rund 60 Windkraftanlagen 520 GWh.
Das bedeutet: Mit einem einzigen Entscheid hat die Regierung rund 40 Prozent des Windkraftpotenzials gestrichen. Und dies, nachdem bereits zu Beginn der Standortsuche grosse Flächen des Kantons wegen Zielkonflikten mit der Aviatik weggefallen waren, so praktisch das ganze Unterland.
«Zürich ist kein Windkanton»
Erste Abklärungen über das Windpotenzial im Kanton Zürich machte die Baudirektion 2014 unter Regierungsrat Markus Kägi (SVP). In der Zusammenfassung der Potenzialstudie schrieb die Direktion damals den Satz «Zürich ist kein Windkanton». Dieser wird von Gegnern grosser Windräder bis heute oft zitiert.
Nur: In der damals in Auftrag gegebenen Studie selbst sucht man diesen Satz vergeblich. Dort ist von einem «ansprechenden Windenergiepotenzial» zwischen 450 und 1750 GWh die Rede. Das heute noch vorhandene Potenzial liegt bei 520 GWh.
Das 2014 festgestellte Potenzial wurde als «nicht das tatsächlich heute realistische» bezeichnet. Und es heisst geradezu prophetisch: Würden «gesellschaftliche Aspekte» wie Schattenwurf, grössere Abstände oder das Landschaftsbild ebenfalls berücksichtigt, «reduziert sich das Potenzial stark».
Noch mehr Widerstand
Das Zürcher Windkraftpotenzial ist also, Stand heute, auf 19 Gebiete geschrumpft. Dass dort tatsächlich je Windräder gebaut werden, ist damit aber noch nicht gesagt.
Denn nach dem erwähnten Protestschreiben regt sich nun auch in Andelfingen, Henggart und Winterthur Widerstand. In Andelfingen wehren sich Waldbesitzer. In Henggart kommt im Juni eine Initiative zur Abstimmung, die grössere Abstände zu Windrädern fordert. Und in Winterthur wehrt sich eine Interessengemeinschaft gegen ein grosses Windrad auf dem Berenberg.
«Zürich Wind», der Zusammenschluss von EKZ, EWZ und Stadtwerk Winterthur, will Windräder nur mit Zustimmung der lokalen Bevölkerung planen. Kombiniert man diese Ansage mit dem Widerstand gegen die verbliebenen 19 Gebiete, wird ein Szenario ziemlich wahrscheinlich: Am Ende wird im Kanton Zürich nur eine Handvoll Windkraftgebiete übrig bleiben.
Kein «solider politischer Rückenwind»
Vor über 12 Jahren brachte es die Potenzialstudie im letzten Abschnitt auf den Punkt: Im Kanton gebe es «einige vielversprechende Standorte» und eine «Vielzahl von Standortmöglichkeiten». Doch diese Möglichkeiten würden in der Abwägung der Interessen einen «soliden politischen Rückenwind» bedingen.
Ein solcher Wind ist zurzeit nicht spürbar. Im Gegenteil. Dreht der Wind noch? Das Kantonsparlament entscheidet in diesem Jahr darüber, wie viele Windkraftgebiete in den Richtplan eingetragen werden sollen.



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